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Extrem intim und unglaublich öffentlich
Beobachtungen auf Hannah Hurtzigs Schwarzmarkt
in Warschau
Von Stefanie Peter
Am Vorabend der Präsidentschaftswahlen in Polen
findet in Warschau kein TV-Duell statt. Die imposante Aula der Technischen
Universität wird zum Schauplatz der von Hannah Hurtzig erdachten
Diskussions-Installation "Schwarzmarkt für nützliches
Wissen und Nichtwissen". Anders als auf dem legendären
Basar "Jarmark Europa" im alten Warschauer Stadion wird
hier nicht mit Elektrogeräten, Cds, Pelzen und Lebensmitteln
gehandelt, sondern mit Geschichten. Wie bei einem Schachturnier
sitzen sich jeweils zwei Personen an einem kleinen Tisch gegenüber
und verstricken sich für zwanzig Minuten in ein Gespräch
unter vier Augen. So intim und privat diese Unterhaltungen auch
sind, werden sie doch der Öffentlichkeit zugänglich. Dafür
sorgt eine Übertragungstechnologie, dank derer die zahlreichen
Zuhörer im Saal parallel in acht solche Gespräche hineinhören
können. Diese Versuchsanordnung ist in Deutschland schon mehrfach
zum Einsatz gekommen und der "Schwarzmarkt" hat sich insbesondere
am Berliner Theater Hebbel-am-Ufer längst einen Namen gemacht.
Und doch hat man das Gefühl, dass heute Abend in Warschau etwas
vollkommen Neues passiert. Wo es in Berlin gesittet und stets den
Spielregeln gemäß zugeht, drohen die Warschauer die Anordnung
selbst zu sprengen. Gleich mehrere Personen drängeln sich an
manchen Tischen um einen Gesprächspartner, vorne am Check-in-Schalter
hat Hannah Hurtzig mittlerweile sogar das Versteigern von Tickets
erlauben müssen. Wo der Standardpreis für ein Expertengespräch
bei zwei Zloty liegen sollte, geht das Ticket für eine Unterhaltung
mit dem Künstler Pawel Althamer schließlich für
50 Zloty über den Tresen. Der Höchstbietende, ein Warschauer
Student, hatte dafür ganz schön zittern müssen. Schließlich
hätte er keinen Zloty mehr in der Tasche gehabt und er wollte
sich unbedingt bei Althamer Rat zum Thema "Intuition in der
Kunst" holen. Der Student hat Glück gehabt, denn es sind
hunderte gekommen: Unter das breit gefächerte Publikum hat
sich beinahe vollzählig die Warschauer Intelligenzija gemischt.
Die hier vertretenen Künstler, Verleger, Publizisten, Aktivisten,
Schriftsteller und Wissenschaftler interessieren sich in diesem
Moment nicht für die vordergründige Politik am Vorabend
einer Wahl, sondern für einen Vorgang, der gleichwohl auch
politisch ist. Wenn es nämlich in Polen immer schon eine rege
Kultur des privaten Gesprächs unterhalb der Ebene politischer
Repräsentation und abgeschottet vom Zugriff geheimdienstlicher
und polizeilicher Überwachung gegeben hat, sind doch die Defizite
in der öffentlichen Debattierfähigkeit nicht zu übersehen.
Der "Schwarzmarkt" setzt, ob geplant oder nicht, genau
an dieser Schnittstelle an. Er macht das private Gespräch öffentlich
und setzt die intime Unterhaltung, die das Tischmikrophon zugunsten
des Augenkontaktes mit dem Gegenüber schnell vernachlässigt
und vergisst, in einen größeren Kontext. Diese Versuchsanordnung
hat auch in Deutschland schon funktioniert, in Warschau geschieht
heute Abend trotzdem etwas Neues. Man schlägt ein kleines Kapitel
der nicht-offiziellen deutsch-polnischen Beziehungen auf.
Warschau
Oktober 2005
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