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Beim Gongschlag beginnen sie zu reden und zu gestikulieren. Auf
zwei großen Bildschirmen sind zwei sprechende Frauen zu sehen.
Auf der Publikumstribüne des Theaters Hebbel am Ufer (HAU)
lauschen Zuschauer per Kopfhörer.
Vor allem Leute zwischen Mitte 20 und Ende 30 nehmen an der halluzinierten
Volkshochschule der Mobilen Akademie mit 100 Experten aus Berlin
teil. Die Mobile Akademie Berlin ist ein Projekt der Dramaturgin
Hannah Hurtzig mit dem HAU. Prominente Fachleute hat sie für
diesen Abend gewinnen können: den Filmemacher Harun Farocki,
die Wissenschaftlerin Dr. Barbara Duden, den stellvertretenden Botschafter
von Indien, Amit Dasgupta, die Schauspielerin Maria Kwiatkowsky
und viele andere. Das mag für die Besucher einen Teil des Reizes
ausmachen – wo sonst haben sie Gelegenheit, eine halbe Stunde
zum Beispiel mit einem Zukunftsforscher, einem Insektenkundler,
einem Luftfahrtingenieur, einer Regisseurin oder einem Geigenbauer
zu plaudern? Aus 42 Themengebieten kann gewählt werden: von
A wie "Arbeit" bis U wie "Urbanismus". Wer nur
zuhören will, kann auf der Tribüne ausgewählte Dialoge
per Kopfhörer verfolgen.
"Wie macht der Pinguin?"
Links sitzen die Experten, rechts die Klienten, die sehr konzentriert
zuhören. Vor dem Gongschlag mussten sie einen Euro auf ein
markiertes Feld auf dem Tisch legen, eifrige Helfer sammeln ein.
30 Minuten referiert und diskutiert der Experte über sein Thema
oder gibt Gesangsunterricht, erspürt eine Aura, unternimmt
ein Gedankenexperiment - und lernt vielleicht selbst dabei. Die
Komponistin Ulrike Haage vermittelt "den gleichberechtigten
Umgang mit Musik und Sprache", Harald Preissler, Zukunftsforscher
beim Autobauer Daimler-Chrysler, macht sich mit seiner Klientin
Gedanken über "Das Dilemma". Die Auraleserin Monika
Bruns forscht, unbeirrt von Geräuschpegel und eventuellen Zuhörern,
in Ruhe nach der Aura ihrer Klientin. Bei Opernsänger von Puttkammer
ist aktive Mitarbeit beim Thema "antarktischer Gesang"
gefordert. Sein Tisch ist mit Mikrofonen bestückt, damit das
Publikum lauschen kann. "Machen Sie eine Ente nach!,"
fordert er. "Und wie macht wohl ein Pinguin?" Die Klientin
muss Luft ausblasen und dabei hohe Töne summen. Der Maestro
will ihr beibringen, dass die Stimme mehr Volumen bekommt, wenn
man den ganzen Kopf als Resonanzraum nutzt. Der Gongschlag erlöst
seine Schülerin von der ungewohnten Aufgabe. Wer sich schnell
durch die acht Diskussionen zappt, die über Kopfhörer
zu empfangen sind, hört Dialogfetzen über die Befreiung
des Körpers vom Reproduktionszwang, das Fehlen von Utopien
und warum Pinguine weiße Bäuche haben.
Wissensvermittlung im Rhythmus des Gongschlags
Die Soziologie-Professorin Barbara Duden spricht mit Kollegen über
den "Körper als Ort des Lernens und Schauplatz des Vergessens",
mitzuerleben nur via Bildschirm und Kopfhörer. Ohne Kopfhörer
ist nur das angeregte Stimmengemurmel der am Tisch Sitzenden wahrzunehmen
– bis zum schroffen Gong, der die Diskutierenden auseinander
reißt. Sechs Runden gibt es, jeder Experte empfängt zwei
Klienten. Das Publikum hört interessiert zu, jede noch so laienhafte
Frage wird geduldig beantwortet. Die Begeisterung war weniger im
Publikum, als bei den Klienten und bei den Experten zu spüren.
"Die Mobile Akademie wechselt immer Ort, Zeit und Thema, bei
gleich bleibender Intensität und wachsendem Zweifel",
so Hannah Hurtzig, die das Projekt konzipierte und mit wechselnden
Partnern durchführt. Hurtzig lebt als freie Dramaturgin, Kuratorin
und Festivalmacherin in Berlin, war Künstlerische Leiterin
der Hamburger Kampnagelfabrik und in der Dramaturgie der Berliner
Volksbühne tätig. Die erste Mobile Akademie gab es 1999
in Bochum, es folgten Berlin 2001 und 2004. Sie bietet mehrwöchige
interdisziplinäre Intensivprogramme, Einzelberatungen und Schwarzmärkte.
Im Sommer 2006 fand die Mobile Akademie Warschau zum Thema "Geister,
Gespenster, Phantome" statt, als deutsch-polnisches Projekt
der Kulturstiftung des Bundes.
Wissensvermittlung oder Kunstaktion?
Ist das nun Wissensvermittlung oder Kunst? Beides. Die strenge Choreographie
macht Sinn, da es sich eben nicht um einen prominent besetzten Volkshochschul-Abend
handelt, sondern um eine mehrschichtige Performance. Das Gespräch
von Barbara Duden über den Körper als Ort des Lernens
und Vergessens reflektiert, was gerade passiert. Die Klienten sitzen
auf der Bühne, einige sind live zu hören - sie sind unabdingbarer
Bestandteil der Installation.
Man könnte diese Performance als "Schwarzmarkt"
bezeichnen, weil Wissen, wie es hier feilgeboten wird, sonst nicht
oder nur mit großem Aufwand zu haben ist. Und wieso "…
für nützliches Wissen und Nicht-Wissen"? Das Wissen
erscheine als Bild und Spiegel seines scheinbaren Gegenteils, des
Nicht-Wissens und des Glaubens, erklärt die Dramaturgin. Für
sie ist dieser Schwarzmarkt ein "Schau- und Produktionsraum,
in dem erzählerische Formate der Wissensvermittlung ausprobiert
und präsentiert werden". Der Wissenstransfer werde damit
im Theater, "dem ursprünglichen Ort öffentlichen
Debattierens, zu einer kollektiv gewisperten Wissenserzählung".
Es lebe die halluzinierte Volkshochschule!
Ingrid Scheffer ist freie Journalistin und Diplom-Kulturwissenschaftlerin
Copyright: Goethe-Institut, Online-Redaktion
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