| DAS
ARCHIV DES UNTOTEN
Im Mai 2011 fand in Hamburg der inszenierte
Kongress "DIE UNTOTEN - LIFE SCIENCES & PULP FICTION"
statt. Der dreitägige Kongress versammelte 80 Wissenschaftler
und Künstler, die die verletzlichen Zustände zwischen
Leben und Tod in den Kulissen eines Filmsets präsentierten
und diskutierten. Aus den 60 aufgezeichneten Stunden entstanden
ein Webarchiv und eine mobile Installation, die demnächst auf
Tour gehen wird.

Photo: Thomas Aurin
In der Installation sprechen:
Vinciane Despret
PARLER AVEC LES MORTS Simultanübersetzung Lilian-Astrid Geese
aus dem Französischen (Film 16 / 46.21 Min.)
Menschen haben immer wieder neue Wege gefunden, mit ihren Toten
in Kontakt zu bleiben: durch Bilder, Filme und Bücher, aber
auch in indivi- duellen Formen der Trauer, die keine Verarbeitung
formulieren, sondern sich als Anrufung direkt an die Verstorbenen
wenden. Gerade in den letzten Jahren kann man beobachten, dass die
Toten zurückkehren, an die Orte der Populärkultur, besonders
ins Fernsehen, die ihnen gegenüber eher aufge- schlossen sind.
Die Psychologin und Professorin für Philosophie Vinciane Despret
forscht seit Jahren zu einer Ökologie und Ethologie der Toten
und fragt nach, was denn ein gutes Milieu für die Toten sei.
Eine große Heraus- forderung sei dabei, eine Sprache zu finden,
die weder den Lebenden zu viel Aktivität zuschreibt (als sei
der Kontakt zu den Toten allein Produkt ihrer Vorstellungskraft)
noch den Toten (als existierten sie autonom). In ihrer an Kunstpraktiken
orientierten Feldforschung versucht sie, Totengeister auch in Romanen,
TV-Serien oder bei Besuchen von Spiritisten aufzuspüren. Das
«Leben der Toten», so Despret, verändere und bereichere-
durch einen Zu- wachs an Realität - das Leben der Lebenden.
Aubrey de Grey
& Andy Miah
WOULD LIFE BE BETTER WITHOUT DEATH? (Englisch) (Film 15 / 57.44
Min.)
Unter der Behauptung, dass regenerative Medizin den natürlichen
Alte- rungsprozess so verlangsamen könnte, dass der Tod vermeidbar
wäre disku- tieren der theoretische Biogerontologe Aubrey de
Grey und der Bioethiker Andy Miah die Konsequenzen ewigen Lebens
sowie die Voraussetzungen, die die Wissenschaft dafür bereits
geschaffen hat. Wenn der Tod ausstürbe, verlören wir dann
einen wichtigen Teil unseres Menschseins? «The fact that we
are aware of mortality is what leads us to a particular kind of
life». Wür- den sich manche Menschen möglicherweise
bewusst für das Sterben ent- scheiden? «The more we control
life, the more suicide will disappear». Wenn jeder 500 Jahre
leben würde, was bedeutet das für die Geburtenrate bedeu-
ten? «One can be his own next generation!»

Photo: Thomas Aurin
Petra Gehring
DER DEREGULIERTE TOD (Film 21 / 52.15 Min.)
Wir sorgen uns heute mehr um das Sterben als um den Tod. Der Tod
scheint wenig Wert zu haben, er hat seine eigenständige Macht
verloren, es gibt ihn zwar noch, aber er wird zu einem Projekt des
Lebens. Das Lebensen- de dagegen, der Sterbeprozess, ist zur Zone
biotechnischer Wertschöpfung geworden. Seit den 1960er Jahren
hat das Medizinsystem eine Anzahl von Zugriffsoptionen auf den sterbenden
Körper eröffnet. Das Hirntod-Krite- rium ermöglicht
seit 1968 nach zerebralen Ausfallerscheinungen Organent- nahmen
aus dem noch pulsierenden Körper; in Deutschland ist seit 1997
der Ernährungsabbruch bei Sterbenden erlaubt. Wir werden aufgefordert,
un- seren Tod zu planen und mit Patientenverfügungen und Sterbeversicherun-
gen zu managen. Sterbepolitik ist die Kehrseite eines Gesundheitssystems,
das versteckt rationiert. Der Tod wird durch Szenarien eines vorgezogenen
Sterbens ersetzt, das mit Kontrollversprechen winkt und das Medizinsystem
von Verantwortung entlastet.
Michi Knecht
IN LIMBO: DAS SOZIALE LEBEN KRYOKONSERVIERTER FRÜHEMBRYONEN
(Film 29 / 43.56 Min.)
Bei mehreren Verfahren assistierter Fortpflanzung, etwa der In-Vitro-Fer-
tilisation, werden «überzählige» Frühembryonen
tiefgefroren, um sie even- tuell zu einem späteren Zeitpunkt
in die Gebärmutter zu implantieren. Paare in der Reproduktionsmedizin
sprechen von «Eisbärchen», «kleinen Eskimos»,
«Schneeflocken» oder «frozen angels». Es
sind Subjekt-Objekte mit einem unsicheren sozialen Status. Welche
Beziehungsgeschichten und -konstellationen entwickeln sich um diese
bei minus 196 Grad Celsius in Stickstoff kryokonservierten Miniatur-Embryonen?
Um Kryoembryonen als zeittypische Form eines Untoten zu verstehen,
müsste eine breite For- schung all seine Existenzweisen untersuchen
und die verschiedenen Praxen seiner Herstellung beschreiben. Die
Ethnologin Michi Knecht sondiert die medizinischen und alltäglichen
Praktiken, die den Status dieses «Protole- bens» bestimmen
und denkt darüber nach, ob sie als Privatbesitz, als in- dustriell
zu nutzender Rohstoff oder als common good zu betrachten seien.

Photo: Philipp Hochleichter
Zoe Laughlin
THE WONDER OF FLESH AND THE BRILLANCE OF BLOOD
anschließend im Gespräch mit Sander L. Gilman (Englisch)
(Film 32 / 39.16)
Zoe Laughlin arbeitet an der Schnittstelle von Wissenschaft, Kunst,
Hand- werk und Design. Sie ist Mitbegründerin des Institute
of Making am Kings College in London, eine multidisziplinäre
Forschungsgemeinschaft für all jene, die sich für die
"made world" interessieren. Daran angeschlossen ist Laughlin`s
Materials Library, ein Depot für aussergewöhnliche Materialien
und Materie aus aller Welt. In ihren Vorträgen und workshops
testet sie die performativen Qualitäten verschiedener Materialien.
Diesmal geht es um Stoffe, die die Grenzen zwischen dem Belebten
und Unbelebten, dem Ma- teriellen und Immateriellen verwischen.
Von Knochenimplantaten zu syn- thetischer Haut haben jene Materialien
ihren großen Auftritt, die in intimer Beziehung zum Körper
stehen. Das «Wunder des Fleisches» und die «Bril-
lanz des Blutes» spielen ebenfalls eine Rolle!
Jae Rhim Lee
CORPSE DECOMPICULTURE (Englisch) (Film 39 / 23.43 Min.)
Die Künstlerin und Designerin ist Research Fellow am Massachusetts
Ins- titute of Technology (MIT) und entwickelt ihre Arbeiten in
Auseinander- setzung mit gesellschaftlichen Formen der Todesverleugnung.
Ihr «Infini- ty Burial Project» propagiert einen aktiven
Umgang mit dem toten Körper und liefert ökologische Modelle
der Leichenzersetzung zum individuellen Gebrauch. Die von ihr entwickelte
Methode des «Corpse Decompiculture» kultiviert Pilze
und andere Organismen, die menschliches Gewebe wie Lei- chengifte
purifizieren und die man in man in der eigenen Wohnung züch-
ten kann. Teil des vorgestellten Projekts sind auch ein Dekompositions-Kit
mit den notwendigen Zersetzungsstoffen sowie selbst entworfene Beer-
digungsanzüge mit Bioaktivatoren. In einer kurzen Demonstration
gibt sie eine Gebrauchsanweisung für Pilzzersetzungskulturen
für die eigener Heimproduktion.
Mark Ravenhill
THE FATAL NARRATIV im Gespräch mit Joachim Dinse und Bruce
LaBruce (Englisch) (Film 38 / 55.52 Min.)
In den 80er Jahren machte die Diagnose «HIV-positiv»
die Betreffenden zu Figuren einer fatalen Narration. Innerhalb der
nächsten zehn Jahre würde ihr Immunsystem versagen, am
Ende stünde der Tod durch AIDS. Viele gaben ihren Beruf auf,
planten die eigene Beerdigung, organisierten ihr Lebensende. Mitte
der 90er Jahre machte der medizinische Fortschritt aus der tödlichen
Krankheit eine chronische. So existiert heute eine ganze Ge- neration
von HIV-Positiven, die nie mit einer Zukunft gerechnet hat und doch
überlebte. Für alle, die Frieden mit ihrem Schicksal geschlossen
hatten, bedeutete das eine neue, aber auch schwierige Lebensperspektive.
Menschen mit HIV waren plötzlich «untot». Der Dramatiker
Mark Ravenhill, selbst HIV-positiv, erzählt über die verschiedenen
Tode im Prozess des Sterbens seiner Freunde und über das Konkrete
des Todes und die Schwierigkeit, aus dem «Nicht- Ereignis»
des Lebens mit AIDS ein Narrativ zu machen. Daran anschließend
ein Gespräch mit dem Psychotherapeuten Joachim Dinse und dem
Filmemacher Bruce LaBruce, der während des Kongresses öffentliche
Proben zu seinem neuen Film «Ulrike`s Brain» zeigte.
Drehli Robnik
DAS GROßE TAUMELN: ZU EINER DISSENS- ÄSTHETIK DES ZOMBIEKINOS
(Film 41 / 46.54 Min.)
Die Zombies, die derzeit wieder gehäuft durchs Kino wanken,
sind zwar gehirnlos, aber sie wissen einiges. Zumindest scheinen
sie zu wissen, dass sie heute fast routinemäßig als politische
Allegorie vermarktet werden: Sie stehen für hemmungsloses Konsumverhalten,
für Fremdenfeindlichkeit oder für die schmale Gratwanderung
zwischen Zivilisation und Barbarei. Der ös- terreichische Filmtheoretiker
Robnik analysiert die Bandbreite der Bildlo- giken von Politik im
Zombiefilm und setzt sie ins Verhältnis zu anderen klassischen
Filmmonstern wie den aristokratischen Vampiren, der würdigen
Mumie und dem einsamen Frankenstein. Zombies dagegen sind Massenwe-
sen, zur Politik bestimmte Wesen. So fügt sich im Rahmen einer
politischen Filmästhetik ein weiteres Sinnbild hinzu: der taumelnde
Zombie steht nun auch für eine radikale Politik der Befreiung.
Robnik plädiert demgegenüber für eine Dissensästhetik,
eine politische Ästhetik des Streits unvorhergese- hener Streitparteien
und ohne das Pathos apokalyptischer Großereignisse. Er zeigt
zahlreiche Ausschnitte aus unseren Lieblingsfilmen.
Roberto Rotondo
WIE TOT IST HIRNTOT? (Film 43 / 46.54 Min.)
Seit der Neudefinition des Todes durch das Harvard ad hoc Komitee
1968, sei es in Forschungs- und Ärzteberichte zum Hirntod oder
in den Gesetz- entwürfen der Bundesregierung wurde die Einstellung
und Praxis der Pfle- ge und Pflegekräfte nie berücksichtigt.
Die Transplantationsmedizin blickt eher auf den Empfänger und
betont den lebensrettenden Aspekt der Or- ganspende. Aber welche
psychischen Belastungen bringt die Arbeit in der Transplantationsmedizin
mit sich? Pflegende leiden oft an quälender Wahr- nehmungsspaltung
durch das gleichzeitige Vorhandensein von Lebens- und Todeszeichen
bei Gehirntoten. Der Psychologe, Supervisor und ehemalige Krankenpfleger
Rotondo stellt Erfahrungsberichte aus dem medizinischen und pflegerischen
Bereich zur Diskussion.
Oliver Tolmein
DIE HERBEIFÜHRUNG DES TODES IM DEUTSCHEN RECHT anschließend
im Gespräch mit Beate Lakotta (Film 51 / 48.37 Min.)
Oliver Tolmein, Fachanwalt für Medizinrecht, beschreibt anhand
fünf kon- kreter Fälle der letzten Jahren im Bereich Suizid
und Sterbehilfe und der entsprechenden Urteile des Bundesgerichtshof,
wie die Schutzfunktion des Rechts gegenüber jenen, die ein
zerbrechliches Leben führen, immer weiter zurückgedrängt
wurde zugunsten der Akzentuierung einer eher formalen Selbstbestimmung.
1994 erkannte ein Strafsenat des Bundesgerichtshofes zum ersten
Mal an, dass Sterbehilfe nicht nur Hilfe beim Sterben, sondern auch
Hilfe zum Sterben sein kann. Seitdem hat sich in der Bundesrepublik
unter dem Label «Stärkung der Patientenautonomie»
eine rechtliche Mobil- machung gegen das Leben im Zustand erheblicher
Pflegebedürftigkeit voll- zogen, die 2009 im dritten Betreuungsrechtsänderungsgesetz
ihren vorläu- figen Endpunkt gefunden hat. Während Tolmein
die Entwicklungslinien des Patientenrechts kritisch beurteilt, ist
die Journalistin Beata Lakotta eher «Fan der Bundesgerichtshof
Rechtssprechung». Sie hat für ihr Buchprojekt «Noch
mal leben vor dem Tod» anderthalb Jahre lang Menschen im Hospiz
begleitet.
Joseph Vogl &
Philipp Ekardt
DAS GESPENST DES KAPITALS (Film 53 / 46.44 Min.)
Seit dem 18. Jahrhundert kann man dem Wirtschaftsleben eine gespensti-
sche Eigenbewegung attestieren. Aber im Gegensatz zu den uns bekann-
ten Gespenstern kommen die Kapitalgespenster nicht aus der Vergangen-
heit sondern aus der Zukunft, und sie sind auch nicht mehr an Orte
wie den Friedhof gebunden, sie haben ihren territorialen Bezug gekappt.
Jo- seph Vogls kürzlich erschienenes Buch «Das Gespenst
des Kapitals» ist eine kritische Revision der Wirtschaftsliteratur
der vergangenen drei Jahr- hunderte und legt nahe, dass sich das
Nachdenken über Fragen moder- ner Geldwirtschaft regelmäßig
mit untoten Figuren konfrontiert sieht, ja, dass es diese sogar
hervorbringt. Die beiden Literaturwissenschaft- ler analysieren
verschiedene Formen und Figuren des Untoten und ande- rer vital
eingeschränkter Wesen: Kafkas Odradek, Neugeborene in Limbo,
Junggesellenmaschinen und Zombies.
Andreas Zieger
DIE TODESPOLITIK DER MODERNEN MEDIZIN
Vortrag und Gespräch mit Martina Keller (Film 56 / 46.27 Min.)
Der Tod ist eine kulturelle Vereinbarung. Unsere biotechnisch- medizini-
sche Definition des Hirntods als Todeskriterium (seit 1968) ist
so dominant, dass andere Sichtweisen ignoriert werden. Seit 10 Jahren
wird das Gehirn- todkriterium widerlegt, aber es gibt die Begehrlichkeiten
der Transplan- tationsmedizin, die aufgrund dieses Todeskonzepts
lebendfrische Organe explantieren kann. Das menschliche Leben dürfe
jedoch nicht der Deu- tungsmacht einzelner Interessengruppen überlassen
werden, fordert Andre- as Zieger, Leiter der Station für Schwerst-Schädel-Hirngeschädigte
am Ev. Krankenhaus Oldenburg: Wenn man in Richtung Hirntod diagnostiziert,
dann suchen wir in den Kliniken nach Todesanzeichen und vernachlässi-
gen die noch vorhandenen Lebenszeichen. Es muss gesellschaftlich
disku- tiert werden, ob man einen neuen Tod will, um zu explantieren.
Wie wollen wir in Zukunft sterben? Anschließend spricht Zieger
mit Martina Keller, Autorin des Buchs «Ausgeschlachtet. Die
menschliche Leiche als Rohstoff».

Photo: Philipp Hochleichter
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