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Mobile Akademie präsentiert:
Nachtlektionen 1
Joseph Vogl: Über das Zaudern
Filminstallation ( 30 Min., 25 Min., 15 Min.,
01 Min.)


Die Nachtlektion Nr. 1 ist
der erste einer Serie von Lehrfilmen, die die Mobile Akademie in
nächster Zeit produziert und die sich als Bildungsangebot an nächtliche
Passanten, an die schwankenden Gestalten der Nacht wenden: Schlaflose
und Unermüdliche, Schichtarbeiter, die Dame die den Hund ausführt
und den Nyktophobiker. Die Filme werden auf die „natürlichen Leinwände“
im Stadtbild projiziert: stumme Fassaden, leere Flächen an Hauswänden
und Mauern, unsichtbare Orte, die man meist nicht sieht oder liest,
sondern an denen man schnell vorbeigeht. Man hört die Lektionen
mit Kopfhörern. Der Film-Parcour wird in einem Viertel der jeweiligen
Stadt installiert, als Menetekel und Palimpsest, der in einem geisterhaften
Rhythmus erscheint und verschwindet und das Protokoll der Nacht
verändert. Verschiedene Filmemacher inszenieren die Auslegungen,
Lesarten, Kommentare, Enträtselungen zur zeitgenössischen Philosophie,
die den Studenten – also den Nachtgestalten – einen Zugang zu instabilen
und überschießenden Wissensformen eröffnen, um neue Probleme für
existierenden Lösungen zu finden.

Nr. 1 : „Über das Zaudern
“ Joseph Vogl
Die erste Nachtlektion widmet
sich Zuständen des Zauderns, des Schwankens und des Innehaltens.
Der deutsche Philosoph und Literaturwissenschaftler Joseph Vogl
thematisiert das Zaudern als einen Schatten des Handelns, der mehr
ist als Stillstand der Bewegung: Das Innehalten und Zögern macht
Zeit- und Geschichtserfahrung erst möglich und es stimuliert damit
wesentlich den Möglichkeitssinn.
Über das Zaudern, Joseph
Vogl 2007:
„Das Zaudern scheint wie ein verschollenes
Thema oder ein Anathema eine seltsam verwischte Spur zu ziehen,
die überall dort scharf und prägnant wird, wo sich – in einer langen
abendländischen Geschichte – eine Kultur der Tat und eine Kultur
des Werks brechen und reflektieren. Das Zaudern begleitet den Imperativ
des Handelns und der Bewerkstelligung wie ein Schatten, wie ein
ruinöser Gegenspieler; und man könnte hier von einer Zauder-Funktion
sprechen: Wo Taten sich manifestieren und wo Handlungsketten sich
organisieren, wird ein Stocken, eine Pause, ein Anhalten eine Unterbrechung
markiert. Damit hat sich zugleich ein asymmetrisches Verhältnis
zur Zeit und zur Geschichte eingestellt. Sofern nämlich Handeln
nach Nietzsche sich im Vergessen vollzieht und zugleich Geschichte
hervorbringt, so durchbricht sein Schatten, das Zaudern ebendiese
Geschichte; es tritt aus deren Zusammenhang heraus, um eine spezifische
Erinnerung zu beschwören: ein Gedächtnis des Nicht-Gewesenen, die
Erinnerung an ein Vergangenes, das niemals Gegenwart war, eine Vorerinnerung
an jene Handlungen und Aktionen, die nicht oder noch nicht geschehen
werden.“
„Das lenkt aber zugleich
den Blick auf eine andere, aktive Seite des Zauderns, die sich von
allen Trägheitssubstraten entfernt. Und diese zweite Seite umschließt
eine idiosynkratische Genauigkeit, eine Idiosynkrasie gegen die
Festigkeit von Weltlagen gegen die Unwiderruflichkeit von Urteilen,
gegen die Endgültigkeit von Lösungen gegen die Bestimmtheit von
Konsequenzen, gegen die Dauer von Gesetzmäßigkeiten und das Gewicht
von Resultaten; und ein begründetes Misstrauen gegen heilsgeschichtliche
Aufschwünge jeder Art. Das Zaudern ersucht um Revision. In ihm artikuliert
sich ein komplizierter Sinn, der weniger Antworten zu den Fragen
und die Lösungen zu den Problemen sucht, sondern unterstellt, dass
in den gegebenen Antworten und Lösungen unerledigte Fragen und Probleme
weiterhin insistieren. Man ist von Lösungen umstellt und findet
die dazugehörigen Probleme nicht unbedingt. Das Zaudern hegt einen
Komplexitätsverdacht; es folgt einer Arithmetik, die vom Hundertsten
ins Tausendste geht. Es mag Linearität und die Einförmigkeit der
Welt nicht oder nur schwer ertragen: “Nun ist aber die Welt bekanntlich
ungemein mannigfaltig, was jederzeit nachzuprüfen ist, indem man
eine handvoll Welt nimmt und sie näher ansieht.“ (Franz Kafka)
mit: Orest Franz Kafka Henriette
Cornier Moosbrugger Hadschi Ibrahim
Mit einer Einführung in die
Liga der Zauderer: der Archivarbeiter - der Trägem - der Zögerer
und der Nichtstuer.
Themen: Stotterer und Stolperer.
Die Aktionsallergie. Raserei & Amoklauf. Die Befreiung von systemimmanentem
Wahn. Das Rätsel Wallenstein. Der Gelegenheitsapparat. Die pedantische
und phantastische Genauigkeit. Zur Logik und Artistik der Auswege
und: Das Ende des Systems
Joseph Vogl (Literaturwissenschaflter
und Philosoph an der Humboldt- Universität zu Berlin) hat Gilles
Deleuze und Michel Foucault übersetzt. Er hat über die kleine Literatur
Kafkas (der im Sanatorium von Hartungen in Riva del Garda einen
seiner vielen aufschiebenden Aufenthalte verbrachte), über die großflächige
Anlage von Goethes Poetik, über die Farbe Gelb, über den ökonomischen
Menschen und zuletzt über das Zaudern nachgedacht und geschrieben.



Photos © Andrea Pozza
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