SCHWARZMARKT DOPPEL GALA CD

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SCHWARZMARKT DOPPEL GALA CD

CD 1 - Gespräch 1:
Schwarzmarkt Nr. 7
Routen und Orte der Mobilitätspioniere und -funktionäre,
Schlagwort: Philosophie
Joseph Vogl: Gedanken und Geschwindigkeiten

Wie entsteht etwas wie die abendländische Zeitordnung? Der erste wesentliche Einschnitt war die Etablierung einer Schriftkultur, die das Denken formatierte, linear und hierarchisch organisierte Strukturen (Kulturen ohne Schrift operieren eher repetetiv). Auch ohne die Uhr wäre die abendländische Zeitordnung nicht denkbar. Die Entwicklung der mechanischen Uhr - eine der ersten Maschinen überhaupt - wurde zum zentralen Faktor öffentlichen wie privaten Lebens und taktet dieses ab dem Ende des 13. Jahrhundert auf Kirchen, Rathäusern etc. Ein einheitlicher Takt, der zu neuer Zeitwahrnehmung führte: Zeit verstreicht nicht mehr kontinuierlich, sondern wird teilbar. Hier taucht ein neues Problem des Denkens auf, das die Philosophie bis heute beschäftigt, nämlich die Frage nach dem Verhältnis von Zeit und Raum.

Mit der rasanten Entwicklung des modernen Verkehrswesens im 19. Jahrhundert (die Eisenbahn revolutionierte die Geschwindigkeitswahrnehmung) wurde eine einheitliche Zeit unumgänglich: 1891 wurde die Greenwich-Zeit/Weltzeit eingeführt und ganze Territorien getaktet. Das verschärften Zeitmanagement führte zu bislang unbekannten Affektkonstellationen wie Verspätung, Verfehlung, Überstürzung und Hast - elementare Erfahrungen der Moderne. Zugleich entstehen neue Nicht-Orte: Warteräume, die nur dazu dienen, dass Zeit abgesessen wird. Und aus der nicht verstreichen wollenden Zeit wurde Langeweile (die Zeit des Dandys im 19. Jahrhundert), die als Zustand ebenfalls von vielen Philosophen als Thema aufgegriffen wurde: ein ontologisches Problem zu sich selbst.

Dr. Joseph Vogl, Prof. für Neuere deutsche Literatur am Institut für Deutsche Literatur, HU Berlin, Übersetzer vieler Schlüsselwerke neuerer französischer Philosophie (u.a. "Differenz und Wiederholung" von Gilles Deleuze), letzte Veröffentlichung: Über das Zaudern, diaphanes 2007

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CD 1 - Gespräch 2:
Schwarzmarkt Nr. 6
It's a Bird! It's a Plane! It's Superman... amerikanische Nahaufnahmen in 440 Dialogen
Schlagwort: Abu Ghraib
Carolin Emcke: Ein ganz normaler Folterer - Abu Ghraib jenseits der Bilder

Was macht das Bild einer Menschenpyramide von Opfern aus? Warum stehen diese Bilder unverkennbar für die Verbrechen in Abu Ghraib? Inwieweit dienten die berühmten Bilder der Misshandlungen nicht der Aufklärung der Verbrechen in Abu Ghraib, sondern eher ihrer Verschleierung? Die mediale Fokussierung auf die groteskesten Figuren unter den amerikanischen Soldaten: Lynndie England und Charles Graner, eine minderbemittelte Debile und ein ausgewiesener Sadist, passten exakt in Rumsfelds Strategie, Folter als Ausnahmeerscheinung zu präsentieren. Die Bilder erfüllten so den Zweck einer depolitisierten Betrachtung. Um aber einen Blick auf die strukturelle Natur der Misshandlungen zu bekommen, lohnt es stattdessen, einen Soldaten zu finden, der vorher nie als Gewalttäter aufgefallen war, der erst durch systematische Anordnungen und Befehle zum Foltern als gängige Methode gebracht worden war: Ivan Frederick. Ein weißer, introvertierter Typ aus West Virginia. Als Gefängniswärter kannte er den Umgang mit Gefangenen bereits aus seinem Arbeitsalltag, doch er ist genauso brutal auffällig geworden wie die anderen beiden Hauptangeklagten auch. Der Tatsache, dass sich die Misshandlungen in Abu Ghraib damit eher als strukturelles Problem denn als brutale Einzelaktionen aufzeigen lassen, ging Emcke genauer nach und es stellt sich ein Gefühl ein, für die gespenstischen Verhältnisse, die in Abu Ghraib herrschten.

Dr. Carolin Emcke (Jg. 1967) ist Autorin, politische Theoretikerin und Journalistin; 1998-2006 war sie Redakteurin beim 'Spiegel' und als Auslandsredakteurin in vielen Krisengebieten unterwegs, seit 2007 ist sie internationale Reporterin für das "ZEITmagazin". Für ihr Buch "Von den Kriegen" (S. Fischer 2005) wurde sie mit dem Preis "Das politische Buch" der Friedrich-Ebert-Stiftung und dem Förderpreis des Ernst-Bloch-Preises ausgezeichnet. Im Mai 2008 erscheint "Stumme Gewalt - Nachdenken über die RAF" (S. Fischer Verlag)

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CD 2 - Gespräch 1:
Schwarzmarkt Nr. 4
Lexikon der tänzerischen Gesten und angewandten Bewegungen von Mensch, Tier und Materie
Schlagwort: Partizipation
Irit Rogoff: What Does It Mean to Participate?

How can we take part in culture beyond the roles that culture allots to us? Are we able consciously or unconsciously to generate other modes of participation in culture? High culture expects us to pay complete attention to it, but one thing we can do is to play with our attention. We can look away for example. Does something happen between the people who are looking communally at the art work? Do they become a community?

In Western Europe and the West in general there is an insistence that art and culture perform like parliamentary democracy: art should be for everyone equally. But does art have something it can teach politics? In the world of theory, we have fragmented our identities into different identities and positions. We vote as an identity for one platform. Politics demands a secure single subjectivity. In art, we can have multiple identities and participate as different subjectivities. Can the self-invention of the audience in art and culture teach politics something?

Participation invents itself because the common subject is important and interesting. Culture just produces an opportunity to look at something together. What you do with it is your own invention. You agree that it is interesting and important, but not on how it should be dealt with. Rogoff is not talking about directed participation, but about setting up a platform for undirected participation: art should neither be about escaping, nor should it be didactic. It should supply the audience with an opportunity for participation.

Prof. Dr. Irit Rogoff, holder of the university chair in art history
and visual culture at Goldsmith's College, University of London,
director of the international AHRB research project "Cross Cultural
Contemporary Arts" (London)

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CD 2 - Gespräch 2:
Schwarzmarkt Nr. 2
Die halluzinierte Volkshochschule der Mobilen Akademie
Schlagwort: Sex
Susanne Sachsse & Marc Siegel: Dildos and Dildon'ts:
How to Have Fun with Boys and Girls

Sex ist nicht nur eine Naturgabe und der Dildo ist grundsätzlich unterbewertet. Die beiden Experten stellen in ihrem Gespräch verschiedene Modelle, unterschiedliche Werkstoffe, Funktionen und Anwendungen vor: Dildos, Vibratoren, Butt Plugs, Strap-ons. Der Dildo ist weder ein Ersatz, noch steht er in Konkurrenz, noch äfft er den Penis nach. Seine gesellschaftliche Abwertung beruht zum Teil auf einer homophoben Haltung gegenüber Lesben und auf einem Genuss verhindernden Hang zur Romantik in der körperlichen Liebe. Er hat einzigartige Eigenschaften und Qualitäten, ist personen- und männerunabhängig, kann unterschiedlichste Bedürfnisse befriedigen, ist eine körperliche Erweiterung, denaturalisiert Sex. Für seine Anwendung braucht man Konzentration, Entspannung, Vertrauen (das schließt wiederum Romantik nicht aus) und es ist überhaupt ein schönes Angebot um Machtpositionen, traditionelle Rollen dominanten und devoten Handelns verschmelzen zu lassen. Außerdem kann man so dem Druck und Zwang 'echten Sex' haben zu müssen mal entkommen!

Zur theoretischen Vertiefung des Themas geben die Experten einen Buchtip: Beatriz Preciado, Kontrasexuelles Manifest, b-books, Berlin

Susanne Sachsse, Schauspielerin
Marc Siegel, Filmwissenschaftler;
beide sind Mitglied des Künstlerkollektivs CHEAP.

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Redaktion: Carolin Hochleichter, Hannah Hurtzig
Mitarbeit Texte: Geoffrey Garrison, Vojin Sasa Vukadinovic
Ton: Ti To
Gestaltung: gabi berlin/Katrin Schoof, Katja Kruckow