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DIE ZEIT 10.03.2005 Nr.11
Bilder zum Hören
Pompf-pompf, sssssit-sssssit: Bei den Bäckersfrauen und
Kachelmachern von Porto sammelt ein Künstlerpaar Klänge,
die Sehnsüchte wecken
Von Ulrich Stock
Um sich einer neuen, unbekannten Stadt von Ferne zu nähern,
kann man einen Roman lesen, der auf ihren Straßen spielt,
oder man kauft sich einen Reiseführer, oder man blättert
- schnell und billig - in einem Fremdenverkehrsprospekt. Immer geht
es um Bilder, geschaute oder geschilderte: Sie wecken die Sehnsucht.
Könnte aber der Wunsch nach einem Ort auch durch die Ohren
kommen? Für die zweitgrößte Stadt Portugals lässt
sich diese Frage jetzt klar bejahen. Auf der CD Folklore Volume
II: Porto verdichten die Künstler Alejandra & Aeron Klänge
und Gesänge zu einem ganz eigenen Porträt dieser Stadt
und ihrer Alltagskultur. Wir haben sie im November einige Tage lang
bei ihren Aufnahmen begleitet.
Alejandra & Aeron haben ihr temporäres Quartier in Foz,
dem schönsten Teil Portos, wo der Rio Douro in den Atlantik
mündet. Wenn sie aus der Tür treten und durch die schattige
Gasse den Hügel hinunterblicken, sehen sie an guten Tagen hinter
den Palmen das Wasser blitzen. Ihre Wohnung hat nur einen großen
Raum, Küche und Wohnzimmer in einem, das Bett ist hinter einem
Schrank versteckt. Kommen abends noch Gäste, kocht Aeron, gern
Gemüse und Fisch, das macht er so nebenbei am Herd, vertieft
ins Gespräch über ihre Audiokunst und wie sie zu verstehen
sei.
Oft sind sie morgens früh schon unterwegs, wenn ihnen die
Novembersonne einen Sommertag spendiert und sie die Fischerboote,
von Möwen umkreischt, in den Hafen eintuckern hören wollen,
oder auch in kalter Nacht, wenn sie das Mikrofon vor die Luke halten
dürfen, durch die der Bäcker oben in Avintes schabend
die Laibe in die Röhre schiebt. Dann packen sie ihre Rekorder
in den Rucksack, nehmen den Bus und ziehen los in eine Umgebung,
die ihnen von Aufnahme zu Aufnahme vertrauter klingt.
Alejandra Salinas ist 27, Spanierin aus La Rioja, schneeweiß
leuchtet ihre Haut, streng gescheitelt trägt sie das pechschwarze
Haar, zu langen, feinen Zöpfen geflochten. Ihre Züge sind
freundlich, dem Unbekannten zugetan, ihre Stimme piepst, was natürlich
sofort auffällt bei all dem Reden übers Hören.
Aeron Bergman ist 32, Amerikaner aus Detroit, und einmal - als
wir auf die Fähre über den Fluss warten -, da erzählt
er, wie man ihn in New York von der Straße weg als Nerd-Model
verpflichtet hatte und ihn fortan gelegentlich dafür bezahlte,
auszusehen, wie man sich jemanden vorstellt, der Tag und Nacht vor
dem Computer sitzt: die kantige, blaue Hornbrille, das wirre Haar,
die dürre, schlaksige Gestalt und dieser Blick, als wäre
er in Gedanken ganz woanders.
Das öffentliche Waschhaus drüben in Afurada, auf der
anderen Seite des Flusses, hatten sie schon einmal im Juni aufgesucht,
ohne Erfolg. Als sie damals erschienen, verstummten die Frauen.
Wer waren diese beiden, und was wollten sie mit den Geräten?
Und da sein Englisch, ihr Spanisch die Portugiesinnen nicht erweichte,
zogen sie tonlos wieder davon.
Dieses lavadouro público ist ein Ort des geselligen Waschens
und Trocknens; niemand bleibt auf sein ärmliches und enges
Zuhause verwiesen. An den großen, steinernen Bassins stehen
robuste Frauen mit großen Brüsten und groben Bürsten,
die Hände in Gummihandschuhen. Kernseife trübt das Wasser,
es riecht nach Lauge. Rhythmisch und kraftvoll walken und wringen
sie Röcke, Teppiche und Strümpfe, es fährt ein Plätschern,
Klatschen, Schnaufen, Spritzen und Sprechen durch den Raum und ein
Gurgeln, wenn irgendeine den Stöpsel zieht, das alles von spitzem
Nachhall sekundiert.
Alejandra & Aeron hofften, die Waschfrauen singen zu hören,
es singt aber keine. Da lässt ein Klempner, der nach den Rohren
sieht, von seiner Arbeit ab und bedeutet ihnen, er wisse eine Frau,
gleich nebenan, die eine schöne Stimme habe, und geht los,
sie zu holen.
Bald erscheint sie, Lächeln entblößt eine Lücke
zwischen ihren Zähnen, sie wirft den Kopf zurück und schmettert
voller Inbrunst los von der Liebe und vom Fischen, und ihre Hände
beschwören tristeza e alegria mit ausgreifenden Gesten. Und
die glatten Wände des Waschraums spiegeln ihr Flehen.
Im vergangenen Juni waren Alejandra & Aeron das erste Mal überhaupt
in Porto gewesen, sie wussten nichts von der Stadt, sie hatten nichts
gelesen, aber sie hatten diesen Auftrag von Portos wunderbarem Museum
für moderne Kunst, dem Fundação de Serralves:
Sie sollten, vor Weihnachten noch, eine Installation im Foyer errichten,
und man wünschte sich etwas mit Klang von ihnen, denn für
ihre akustischen Arbeiten haben sie inzwischen unter Hörkunstexperten
und Kuratoren weltweit einen Namen.
Eine Sommerwoche lang waren sie die sanft gewellten Straßen
der Altstadt auf- und abgelaufen, hielten da und dort inne, fotografierten,
versuchten zu verstehen, was es hier für sie zu tun gäbe.
Eine Idee hatten sie nicht, und Aeron wurde nach einigen Tagen schon
etwas nervös; die Erwartung lastete auf ihnen.
Sie sahen die zwei eisernen Brücken über den Fluss, die
Eiffel gebaut hatte, sie gingen in den seltsamen Bahnhof, der als
Kopf unmittelbar vor einem Tunnel saß, wo die Züge erschienen
oder verschwanden, sie standen vor den Mosaiken, sandig eingelegt
in die Bürgersteige, oder sie bestaunten die mit Kacheln farbenprächtig
gestalteten Häuserfronten. Sie sahen den kleinen Reichtum Portos
und Portos große Armut, deren Würde ihnen Eindruck machte.
Sie nahmen nichts auf, weil sie nicht wussten, was.
Dann fanden sie die steinalten Friseure, die steinalten Kunden
die Haare schnitten, mit zwei Scheren gleichzeitig, und wollten
das Stereogeschnippe und -geschnappe aufnehmen, wurden aber abgewiesen.
Dann fanden sie die Kerzengeschäfte mit den Spezialkerzen,
die Gläubigen beim Gesundbeten helfen, wenn sie in der Kirche
aufgestellt und entzündet werden: Kopfkerzen, Lungenkerzen,
Herzkerzen, exakte Nachbildungen der von Krankheit befallenen Organe,
Kerzen fürs linke Bein und Kerzen fürs rechte. So kamen
sie allmählich nach Porto.
Alejandra war 17 gewesen, als sie Aeron vor zehn Jahren in Toronto
beim Studium kennen gelernt hatte, sie Kunst, er Kunstgeschichte.
Erst wurden die beiden ein Paar, dann ein Künstlerpaar. Sie
lebten und arbeiteten in Detroit und in New York, in London und
in La Rioja, und gerade wohnen sie in Barcelona. Vielleicht zieht
es sie bald nach Berlin?
Sie sind überall und nirgends, aber stets unzertrennlich,
und wenn man ihn ohne sie antrifft oder sie ohne ihn, dann ist das
nur für ein paar Minuten oder eine Ausnahme, weil der eine
krank ist und der andere notgedrungen allein zu einer verabredeten
Aufnahme gehen muss.
Wie zu Domingos Martins Machado, draußen in Tebosa, einem
Dorf nordöstlich von Porto. Aeron kommt nach einem missglückten
Restaurantbesuch nicht mehr aus dem Badezimmer, und Domingos wartet
schon unter dem Mandarinenbaum vor dem Haus an der Landstraße,
ein wurzliger, stolzer, alter Mann, dessen Portugiesisch ohne Pause
nun in spanische Öhrchen prasselt, die sich alle Mühe
geben.
Domingos baut Cavaquinhos, kleine viersaitige, der Ukulele verwandte
Gitarren, deren heller, kecker Klang zu Portugal gehört. Seine
Werkstatt ist eine über und über mit Staub und Spänen
bedeckte Höhle. An den Wänden, am Boden, überall
hängen und liegen halbfertige Instrumente, von denen einige
unter der Staubschicht schon unscharf erscheinen. Domingos erzählt
und erzählt, und schweigend an der rissigen Werkbank feilt
Alfredo Matos Machado, der bullige Sohn. Mit einem Kantmesser entfernt
er überstehendes Holz von einem Korpus, schnell und präzis
und nur nach Augenmaß. Jeder Griff gibt ein Geräusch.
Man hört ein Raspeln, Bersten und Poltern, vom Resonanzkörper
verstärkt, und den unter der Anstrengung schwankenden Atem
des Meisters. Alejandra streckt ihm das Mikrofon entgegen.
Vor zehn Jahren hatte es Donovan bis an diese Werkbank geschafft,
er kaufte ein Cavaquinho für George Harrison, der schenkte
es später Paul McCartney, der benutzte es in einem Film, Domingos
weiß leider nicht, in welchem, oder er hat die Frage nicht
verstanden.
Amelia Rodriguez war auch dagewesen, die größte Sängerin
des Fado, der urbanen portugiesischen Folklore. Domingos zeigt zum
Beweis das Foto in seinem privaten, blitzblanken Museu de Cordofones
nebenan, er zeigt die Vitrinen, die Schränke mit den Dankesbriefen
und all den CDs, auf denen seine Instrumente mitspielen
Dann
greift er in die Saiten, bringt mit schwieligen Fingern das zierliche
Ding zum Hüpfen, was ein wenig nach Country klingt und ein
wenig wie Zither, dann schaltet Alejandra den Rekorder aus.
Für 55 Euro, einfachste Ausführung, kauft sie ein Cavalquinho.
Das wird Aeron wieder auf die Beine bringen.
Nach ihrer ersten Woche in Porto hatten sie sich entschieden:
Sie würden für die Installation im Museum Klänge
und Kacheln kombinieren. Flüchtige Akustik und trittfeste Keramik.
Und aus allen Aufnahmen vom Juni und November würden sie eine
CD machen! Den Herbst verbrachten sie zu Hause in Barcelona, wo
sie Fotos sortierten, diskutierten und Vorlagen zeichneten: die
Motive der für sie anzufertigenden Kacheln.
Sssssit, sssssit, sssssit, sssssit macht's in der Kachelfabrik
von Aveiro, südlich von Porto, wenn Rohlinge aufs Förderband
rutschen und unter dem Vorhang aus flüssiger Lasur durchfahren
- Aeron hat's aufgenommen. Man hört Frauenstimmen im Hintergrund
und das rauschende Gebläse des Brennofens. Muss man's sehen?
"Video ist inzwischen überall", sagt Aeron. - "Es
gibt zu viele Bilder", sagt Alejandra. - "Klänge
sind persönlicher als Bilder", sagt Aeron. - "Klang
ruft etwas hervor", sagt Alejandra.
Die Kachelfabrik ist ein weißer Wellblechschuppen in einem
Wohngebiet, von draußen ist nicht zu ahnen, was drinnen geschieht.
An einem zwanzig Meter langen Tisch stehen Arbeiterinnen in Kitteln
und malen mit Schablonen Muster auf die Kacheln. Sonderwünsche
erfüllt ein Meister, der an der Staffelei große Mosaike
fertigt. Er malt mit der Rechten, die er mit der Linken stützt;
nur die groben Linien sind dünn vorgezeichnet, kaum je greift
er zum Lineal, alles Feine macht er frei. Gerade ist es eine ländliche
Szene am Fluss, der Brunnen vor dem Haus, Bauer und Bäuerin
einander zugewandt, in Blau auf Weiß.
Siedelt solche Folklore nicht nah am Betrug? Gibt es im Englischen
nicht sogar das Wort fakelore, das eine erlogene Authentizität
beschreibt?
Alejandra & Aeron sträuben sich gegen diese ihnen allzu
einfache Erkenntnis. Folklore ist seit Jahren ihr Feld. In Konzept
und Objekt. Mit Zeichenstift und Mikrofon. Wenn sie irgendwo auf
der Welt Kunst und Kunsthandwerk in einer Installation zusammenbringen,
wie hier Klang und Kacheln, dann gefällt es im schlimmsten
Fall weder den Kritikern noch den Traditionalisten. Die von oben,
hochnäsig: Warum so kitschig? Die von unten, kleingeistig:
Warum so künstlich? Dieser Widerspruch stachelt sie an.
Im fensterlosen Keller des Museums, in einem Lagerraum, voll gestellt
mit Mischpulten, Verstärkern, Klöterkisten und Kabeln,
haben sich Alejandra & Aeron an einem Tisch eine Arbeitsfläche
frei geschaufelt. Vor ihnen steht ein großer Apple-Computer,
es läuft Pro Tools, ein Programm zum Schneiden, Kopieren, Ein-
und Ausblenden von Audiodateien. Von ihren Rekordern, DAT und Minidisc,
überspielen sie die gesammelten Klänge auf die Festplatte
- jetzt beginnt die Feinarbeit. "Wir müssen die Aufnahmen
ins Fließen bringen", sagt Aeron. So arrangieren sie
die Schnipsel Stunde um Stunde am Bildschirm, und langsam - aus
Studioboxen schallend - gewinnt ihr akustisches Porto an Gestalt.
Später im Museumsfoyer werden die Töne aus den Bodenlautsprechern
eines postfolkloristischen Kachelmosaiks zu hören sein.
Der rauschende Fluss, das Rasseln der Angeln, die kleinen Glöckchen,
die das Anbeißen signalisieren, das Rasch-paff, Rasch-paff
der pneumatischen Portweinabfüllerei. Und dann, pompf-pompf-pompf,
pompf-pompf, pompf-pompf, pompf-pompf, pompf - klingt das nicht
fast wie elektronische Musik, wie der letzte Wille einer zu allem
entschlossenen Avantgarde?
Aber es sind die Bäckersfrauen von Avintes, weiß im
Gesicht vom Mehl, weiß in den Haaren, den Pullovern, über
und über bestäubt, unscharf fast wie die Rümpfe der
Cavalquinhos von Domingos Martin Machado. Sie schälen den Teig
aus der Wanne, sie formen ihn, wälzen ihn, klopfen ihn, pompf-pompf,
und dann ab damit in den Ofen.
"Wenn Leute an elektronische Musik denken, denken sie immer
an Zukunft", sagt Alejandra. "Aber wir kombinieren Verfahren
der elektronischen Musik mit Dingen aus der Vergangenheit."
Ihr Klang-Album von Porto zeigt keine tönenden Sonnenuntergänge,
sondern versammelt archaische Laute mit jetztzeitigen Rissen. In
der Backstube untermalt ein ätherisches Chorwerk aus dem Radio
das pompfende Geknete. Zur Arie der Waschfrau geht das Geschrubbe
an den Becken weiter. In das kristallklare Cavalquinho-Solo von
Domingos Martins Machado saust der Feierabendverkehr auf der Landstraße,
sausen all die Pendler, die der Betriebsamkeit der Stadt entfliehen
in die auf den Hügeln verstreuten Häuser.
"Folklore Volume II: Porto" auf dem Label Lucky Kitchen,
www.luckykitchen.com. Vertrieb in Deutschland über den Webshop
www.tomlab.de, Tom Steinle, Tel. 0221/2761845
(c) DIE ZEIT 10.03.2005 Nr.11
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